OKNO-Ausstellungsraum
Oberdorfstrasse 2, 8001 Zürich / 1. Stock
 

 

 


Rede des Stadtpräsidenten von Zürich Dr. Elmar Ledergerber am 23. August 2007 anlässlich der Ausstellung von Eduard Steinberg:

"Liebe Arina Kowner,
Sehr geehrter Herr Botschafter Dmitry Cherkashin,

Meine Damen und Herren

Es freut mich, dass ich hier mit Ihnen einen Ort einweihen darf, der sich im besten Sinn dem Austausch zwischen den Kulturen widmet. Was Arina Kowner mit viel Engagement schon für die Literatur und die Musik Russlands leistet, findet hier nun seine Fortsetzung in einem elegant gestalteten Galerieraum für die Bildende Kunst. Und was sich hier für uns heute entdecken lässt, ist ein Maler, dem es wie schon Kazimir Malevitch weniger um eine kämpferische Befreiung von der äusseren Welt ging, als um eine sich selbstbewusst äussernde Freiheit der inneren Welt:Ich spreche von der Kunst des Malers Eduard Steinberg, die sie hier vor sich haben.

Für Arina Kowners eigene genealogische Verbundenheit mit Russland sind nun Möglichkeiten geschaffen, die sich im Dialog zwischen den verschiedenen künstlerischen Gattungen vollends entfalten können. Was Frau Kowner uns damit vorstellt, erweitert den kulturellen Horizont, es bleibt aber nicht fremd und unnahbar, sondern wird auch vermittelt, und somit findet im besten Wortsinn das statt, was man unter Kulturaustausch versteht: Ein Zusammentreffen vielseitig interessierter Menschen, die offen sind für Neues, für Entdeckungen und Erweiterungen ihres Denkens. Vor hundert Jahren nannte man das einen <Salon>. Diese alte Tradition ist heute leider fast ausgestorben. Arina Kowner lässt sie mit der Gründung des Vereins <okno — Fenster zur russischen Kultur> wieder aufleben. Ich möchte Frau Kowner im Namen der Stadt Zürich zu dieser überaus wertvollen Aktivität gratulieren, möchte mich für Ihr unermüdliches Engagement bedanken und hoffe, dass in diesen Räumen noch viele erhellende und erkenntnisreiche kulturelle Veranstaltungen stattfinden werden. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, meine Damen und Herren."


Aktuelle Ausstellung 

mit den Künstlern:

Sergei Bugaev/ AFRIKA
BABI-Babakhan Badalov  
Sergei Anufriev

Sergei Bugaev, Künstlername AFRIKA und Babakhan Badalov, Künstlername BABI lebten und arbeiteten in den 80iger und anfangs der 90iger Jahre des letzten Jahrhunderts in Leningrad. Sie waren Künstler aus dem Kreis der Puschkinskaja 10, einer Art Künstlerkolonie analog der Furmanny-Gasse in Moskau. 

AFRIKA geboren 1966 in Novorossijsk, übersiedelte 1980 nach Leningrad, wo er auch heute lebt. Er ist ein renommierter und vielbeachteter Künstler, der u. A. schon in den 90iger Jahren in den USA erfolgreich war. Afrika ist Maler, Musiker (Perkussionist), Dichter, Theoretiker, Schauspieler, Objekt- und Installationskünstler. In den 80iger Jahren wurde er berühmt durch seine Mitspielen in Rockgruppen wie Aquarium, dessen Sänger Boris Grebenshikov gab ihm auch den Namen AFRIKA, oder den Gruppen Kino und Pop-Mechanika sowie durch die Hauptrolle im Kultfilm ASSA.
AFRIKA wurde zu  einer  führenden Figur der russischen Kulturszene. Bis heute ist er dies geblieben, ja er wurde zur Kultfigur.  Von ihm ist hier ausgestellt die Anti-Lissitzky-Serie  aus dem Jahre 1991 mit drei Bildern, die Arbeit Aphasie 1923 -24, aus dem Jahre 1999  und Mir – Made in the XX. Century von 1999/2000.
Seine Werke oszillieren zwischen Ernsthaftigkeit, Ironie, Satire und schweikhafter Kritik. AFRIKA ist ein sehr angesehener kritischer Künstler, der es irgendwie versteht, nicht ins Visier der Zensur zu kommen, die es leider wieder gibt. Seine Werke finden sich in allen wichtigen russischen Museen.

1997 und 1999 vertrat er mit seinen Installationen Russland an der Biennale von Venedig, seine Installation Mir (Friede/Welt) – Made in the XX. Century“, von der hier 16 montierte Emailplatten ausgestellt sind, war als riesige Installation nach Venedig auch an den Grossausstellungen RUSSIA des Guggenheim-Museums in New York und in Bilbao zu sehen. Sie zeigen Fotografien historisch bedeutsamer Ereignisse der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.  Auf dem hier gezeigten Werk sehen wir Fotografien aus den Anfängen der Sowjetunion und zwar mit Abbildungen  aus der Landwirtschaft, dem Beginn der Kolchoisierung, der Industrialisierung, der Seefahrt sowie aus der Kommunikation. 

Seine Flaggen, von denen wir hier ein Unikat aus dem Jahre 1999 sehen,  waren 2005 in der Tretjakov-Galerie in Moskau ausgestellt. Sie trägt den Titel Aphasie, was bekanntlich medizinisch Verlust des Sprachvermögens durch Gehirnstörung und philosophisch Urteilsenthaltung bedeutet. Die auf die Flagge  gestickten Gehirne, zeigen wohl bestens AFRIKAs spielerisch subversiven Umgang mit Realitäten. Die Werktätigen des Betriebes widme-ten die Flagge der örtlichen Gewerkschaftsleitung zum einjährigen Jubiläum der Eröffnung der Petersburger Medizinalhandelsorganisation 1923 - 1924.  

In seiner Anti-El-Lissitzky-Serie (1991) nimmt AFRIKA Bezug auf das Plakat von El Lissitzky aus der Bürgerkriegszeit im Jahre 1920. Zwischen den Fenstern hängt eine Reproduktion dieses Plakates, auf dem steht „Schlag die Weissen mit dem roten Keil“. Nun heisst es bei Afrika Schlag die Roten mit dem weissen Keil“, oder „Schlag die Rosaroten mit dem himmelblauen Keil“ und ganz absurd „Schlag die Grünen mit dem grünen Keil“. Auf der rechten Seite dieser drei Bilder spielt er mit dem Namen seines Künstlerfreundes Sergei Anufriev und über dem Namen auf dem roten Bild schreibt er „Geheim- rsp. Nachrichtendienst!

Drei Zeichnungen mit Foto-Collagen von Sergei Anufriev hängen vis-à-vis des Fensters und das Bild mit dem Titel  „Musketiere über  dem Schreibtisch. Anufriev hat weder eine Wohnung noch ein Atelier. Er zirkuliert zwischen Odessa (seinem Heimatort), St. Petersburg und Moskau und lebt und arbeitet dann bei Künstlerfreunden. Unter der "Himmelsleiter" steht sein Bild Himmlischer Kreml (2008), eine ironische Anspielung auf das Werk des Schriftstellers Daniil Andreev Die Rose der Welt (Rosa Mira, 1953) . Ein weiteres Bild aus dem Jahre 2007 trägt den Titel ,"Lanjeron", einem Ufergebiet in Odessa, von wo Anufriev stammt. 

BABI Badalov geboren 1959 in Lerik, Azerbaidschan, kam 1978 nach Abschluss der Kunstschule in Baku nach Leningrad. Auch BABI ist ein vielseitiger Künstler. Er ist Maler, Objektkünstler, Dichter, Musiker und Tänzer. - Während der Perestroika zählte er zu den wichtigsten Vertretern der Leningrader Kunstszene. Er wurde Mitglied der „Genossenschaft für experimentelle Kunst“, nahm aber eine Sonderstellung ein, da sich in seinem Werk russische, westliche und islamische Einflüsse manifestieren. 1991 reiste er in die USA, 1998 übersiedelte er nach Baku und seit 2006 lebt und arbeitet er in England, wo er um politisches Asyl ersucht. Er wird in Aserbaidschan verfolgt, da er und sein Werk antiislamisch und antipatriotisch seien. Dies, weil er zu seiner Homosexualität steht, kritisch ist gegenüber dem aserbaidschanischen Regime und in Kontakt   steht mit armenischen Künstlern, d. h. zusammen mit ihnen ausstellt.  Hier zeigen wir drei seiner Werke aus dem Jahre 1989: Europäisierung, Europäische Galanterie- oder Kurzwaren und Orientalische Kurzwaren.

Meine Interpretation von BABIs  Bildern beruht auf einem Interview, welches ich kürzlich mit ihm getätigt habe. Zum Bild „Europäisierung“ - „Evropeisazia“: entstanden 1989 in der Zeit der Perestroika, sagte er Folgendes: Europa bedeutete damals der  „Westen“ und war für ihn wie für viele Künstler gleichbedeutend mit liberalem Denken, mit Offen- heit, mit Leben ohne Furcht, kurzum mit Freiheit. Mit Freiheit in der künstlerischen Arbeit: sei dies bezüglich der Form, z. B. abstrakte Malerei, als auch in Bezug auf den Inhalt. Abstraktion war bekanntlich während der Sowjetzeit verpönt und westlich dekadent. „Evropeisazia“ ist damit auch ein Bild der Hoffnung auf schöpferische Freiheit.
Europäische Galanteriewaren oder Kurzwaren“ und „Orientalische Kurzwaren beide ebenfalls aus dem Jahre 1989 sind zwei helle, farbenfrohe abstrakte Kompositionen mit verschiedensten Ornamenten.  
In der orientalisch-islamischen Kunst (BABI’s Mutter ist Perserin, sein Vater Aserbaidschaner) hat die Ornamentik eine grosse Bedeutung und ist sinn- und inhaltsstiftend. Gemäss gewissen Richtungen im Islam darf der Mensch nicht abgebildet werden und Tiere zumeist nur in ab- strakter Form. Das Ornament ist nicht reine Dekoration wie bei uns, sondern ist eine gebräuchliche Form der Kommunikation. Die Eingeweihten kennen die Symbolik. - Wir lassen die Zeichensprache, die bunten Figuren, ihre Zusammensetzung und Anordnung auf uns wirken und bekommen unsererseits  viel interpretatorischen Spielraum: ist Evropeisazia Galanteria“ eine westliche Gross-Stadt mit ihrem Chaos in einer doch irgendwie bestimmten Ordnung? Und die „Vostoschnaja Galanteria“ könnte dies  die aserbaidschanische Weite oder ein orientalischer Markt sein? Lassen wir uns inspirieren! BABI lässt uns eben auch die interpretatorische Freiheit!

Dauer der Ausstellung:    bis 8. Mai 2008

Öffnungszeit:                   Mittwoch von 11 bis 18 Uhr, oder nach Vereinbarung

Kontakt:                         Verein OKNO

                                       ARINA KOWNER KulturAtelier  
                                       Postfach 414, 8024 Zürich  
                                       Tel +41 44 253 18 65 (Beantworter) / Fax +41 44 253 18 66
/ akka@kulturatelier.com

 


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Bisherige Ausstellungen

 

EDUARD STEINBERG

Eduard Steinberg ist 1937 in Moskau geboren. Bereits nach sieben Jahren bricht er die Schule ab. Die Malerei erlernt er bei seinem Vater, der
Absolvent der WChUTEMAS ist. Seine Kindheit ist von der Lagerhaft des Vaters und dem Vorwurf, Sohn eines Volksfeindes zu sein, geprägt. 1954 wird der Vater aus dem Straflager entlassen, und die Familie zieht nach Tarusa. 1957-62 nimmt Steinberg dort autodidaktische Studien vor. Seinen Unterhalt verdient er in unterschiedlichen Berufen als Arbeiter, Fischer oder Hauswart. Der Künstler lebt stets in bescheidenen Verhältnissen und geht zeitweise keiner offiziellen Arbeit nach. Da in der Sowjetunion Arbeitspflicht herrscht, wird er Mitte der 60er Jahre wegen „Parasitismus” angeklagt. Er geht dieser Situation aus dem Weg, indem er 1967 für die Satirezeitschrift „Wissen ist Macht” arbeitet und dem Stadtkomitee der Grafiker beitritt. Allerdings ist er nur kurz für die Zeitschrift tätig, im Gegensatz zu zahlreichen anderen inoffiziellen Künstlern, die sich als Buchillustratoren über Jahrzehnte ihr finanzielles Überleben sichern. Steinberg wird nie Mitglied des Künstlerverbandes, nimmt aber an den „halboffiziellen” Ausstellungen der Malaja Gruzinskaja Strasse in Moskau teil. In den 60er Jahren hat er Kontakt zum sogenannten „Lianozovo-Kreis” um den Künstler Evgeny Kropivnitski, einer Gruppe mehr oder weniger befreundeter Künstler und Literaten wechselnder Zusammensetzung, die sich in der Wohnung Oskar Rabins im Moskauer Vorort Lianozovo trifft. In der Zeit von 1962 bis 1965 sind die Arbeiten des Malers stark vom Thema des Todes und der Auferstehung beherrscht. Dies erklärt Steinberg mit dem für ihn erschütternden Tod der Witwe, des Ende der 20er Jahren zu Tode gequälten Priesters von Tarusa, Marja Ivanovna. Seine Beziehung zu der Witwe war sehr eng, da sie ihr spärliches Essen mit dem finanziell schwachen Künstler teilte. Auch der Tod der Mutter 1976 führt zu einer Reihe, vom Todesthema geprägter, Arbeiten. In den Jahren 1985-87  schafft Steinberg seine berühmte Serie „Dorfzyklus”. 1988 nimmt er an der ersten Sotheby's Auktion in Moskau teil. Ab Anfang der 90er Jahre lebt und arbeitet er abwechselnd in Paris, Moskau und Tarusa.